John D. Wolfringer

Romane, Erzählungen, Satiren, Essays

Die Brücke über den dunklen Strom. Neun Erzählungen. John D. Wolfringer

Der Boden unter den Füßen im Zeitlupentempo weggezogen
Von Irene Weiser (TOP 10 REVIEWER)

Gibt’s die eigentlich noch: Gute Erzähler, die ‹nur› eine Geschichte zu erzählen haben, ohne dem Leser gleich eine Botschaft um die Ohren hauen zu müssen? Erzählungen, die gut geschrieben sind, ohne Allüren? Erzähler, bei denen ‹klarer Stil› nicht bedeutet, dass sie nicht recht mit der Sprache umzugehen wissen? Erzähler, die keinen holprigen Satzbau hinter einem spektakulären Thema verstecken brauchen? Erzähler, die ihre Metaphern und sonstigen Stilmittel sparsam verwenden, aber nicht weil ihnen nicht mehr einfiele, sondern weil sie so umso besser wirken? Ja, gibt es. John D. Wolfringer ist einer dieser in der Wolle gefärbten Erzähler, und mit seinem Band Die Brücke über den dunklen Strom beweist er das nachdrücklich. Kein rhetorisches Rumgefuchtel, sondern klar strukturierte Erzählungen, die nicht so schlicht sind, wie sie zunächst daherzukommen scheinen, und die immer dann überraschende Haken schlagen, wenn der Leser sie am wenigsten erwartet.

Wolfringer geht sparsam mit seinen Mitteln um — nicht, weil die Vorräte begrenzt wären, sondern weil stilistische Ressourcenverschwendung den Leser irgendwann langweilt. Und hier langweilt sich der Leser nicht. Im Gegenteil: Man muss auf dem Quivive sein, denn die Fäden werden immer wieder neu aufgenommen, weiter gesponnen, zu Ende gedacht. Kein Effekt um des Effektes willen, sondern um die Geschichte aus einem anderen Winkel heraus zu beleuchten. Die Sprache ist lakonisch; es geht zur Sache.

Umso durchdachter ist der Aufbau der Erzählungen; die Pointe überfällt einen, obwohl man reichlich vorgewarnt ist. Da kann’s schon mal passieren, dass man erst einmal stutzt: Haalt, ja klar, im Gewitter über Manuwaku liest man den Monolog eines mögli-cherweise (möglicherweise) nicht ganz Zurechnungsfähigen. Ein bemitleidenswerter Un-derdog inmitten des kleinstädtischen Bildungsbürgertums. Eigentlich tut einem der Kerl leid; ausgerechnet in diese hochnäsige Sippe musste es den verschlagen. Oder träumt da nur einer etwas zusammen und wacht wieder auf… Und dieses Foto, in das da etwas hin-eingeheimnist wird… und die höchst geheimnislose Frau mit dem brutalen Ende. Einfach so, ohne Gefühl. Wie gesagt: Fast wär’s einem entgangen; all diese “Namen, deren wah-re Bedeutung niemand mehr kennt”. Eine Welt voller bedeutungsloser Namen. Wohlklang ist nicht alles.

Wolfringer formuliert präzise, seine Bilder sind nicht an den Rändern ausge-franst: Wenn der Himmel «von einem tückischen, diesigen Grau» ist, dann schwant ei-nem schon auf der ersten Seite von Blackout, dass diese gemeinsame Fahrt nicht nur anders als geplant enden wird (klar doch, sonst wär’s ja keine Erzählung), sondern auch, dass den beiden Protagonisten unterwegs etwas Ungreifbares auflauern wird.

Das ist das Charakteristische dieser Erzählungen: Immer wühlt da etwas unter dem All-tag, und irgendwann (aber wann?) bricht es sich Bahn. Manchmal stellt sich die Ge-schichte selber in Frage: Was ist eigentlich das Spielzeug in der gleichnamigen Erzäh-lung? Oder besser: Wer ist das Spielzeug? Und wessen Spielzeug? Wieviele Spielzeuge, belebte und unbelebte, sind hier eigentlich im Spiel? Vordergründig geht es um eine me-chanische Karussellfigur, und um “das System dieser ungeordneten Ordnung”. Wenn da mal nicht die verweigerte Pointe die eigentliche Pointe ist, wenn da mal nicht das System verweigert wird… Klingt höchst akademisch, das alles, liest sich aber packend und alles andere als blutleer-akademisch. Wolfringer packt seine Vexierspiegel ganz allmählich aus, zieht seinen Lesern den Boden im Zeitlupentempo unter den Füßen weg.

Unterm Pflaster soll angeblich ein Strand liegen — hier liegt aber auch oft genug etwas unterm Straßenpflaster, zum Beispiel unter dem eines Provinzkaffs namens Finsterbach, das man am liebsten drunter lassen mag. Dumm nur, dass es längst entwischt ist. Ein Dorf wie viele, vom Wirtschaftswunder bis zur Unkenntlichkeit zurechtfrisiert. Nur eine kleine architektonische Warze hat es noch, «von dem Bauern Hofbrunner ist nicht die Re-de». Nun ja, reichlich widerwärtig war der ja auch. Aber wenn der Urlauber dieser Warze, diesem Geheimnis nachgeht, dann fragt sich der Leser zu Recht: Wieviel Vor-Rationales hat auch die Flurbereinigung nicht begradigen können?

Das hier ist keine Dutzendware, sondern neun Erzählungen, die den Leser neunmal in eine scheinbar harmlose Welt stoßen, und die diesem Leser dann ganz allmählich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ohne Vorwarnung meldet sich neunmal eine Vergan-genheit zurück, die die Protagonisten längst begraben glauben, und wer jetzt noch glaubt, der Alltag berge keine Geheimnisse, der sollte wirklich mal die Planken vom Holzweg ein klein wenig anheben.

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Die Brücke über den dunklen Strom. Neun Erzählungen. John D. Wolfringer

Der Boden unter den Füßen im Zeitlupentempo weggezogen
Von Irene Weiser (TOP 10 REVIEWER)

Gibt’s die eigentlich noch: Gute Erzähler, die ‹nur› eine Geschichte zu erzählen haben, ohne dem Leser gleich eine Botschaft um die Ohren hauen zu müssen? Erzählungen, die gut geschrieben sind, ohne Allüren? Erzähler, bei denen ‹klarer Stil› nicht bedeutet, dass sie nicht recht mit der Sprache umzugehen wissen? Erzähler, die keinen holprigen Satzbau hinter einem spektakulären Thema verstecken brauchen? Erzähler, die ihre Metaphern und sonstigen Stilmittel sparsam verwenden, aber nicht weil ihnen nicht mehr einfiele, sondern weil sie so umso besser wirken? Ja, gibt es. John D. Wolfringer ist einer dieser in der Wolle gefärbten Erzähler, und mit seinem Band Die Brücke über den dunklen Strom beweist er das nachdrücklich. Kein rhetorisches Rumgefuchtel, sondern klar strukturierte Erzählungen, die nicht so schlicht sind, wie sie zunächst daherzukommen scheinen, und die immer dann überraschende Haken schlagen, wenn der Leser sie am wenigsten erwartet.

Wolfringer geht sparsam mit seinen Mitteln um — nicht, weil die Vorräte begrenzt wären, sondern weil stilistische Ressourcenverschwendung den Leser irgendwann langweilt. Und hier langweilt sich der Leser nicht. Im Gegenteil: Man muss auf dem Quivive sein, denn die Fäden werden immer wieder neu aufgenommen, weiter gesponnen, zu Ende gedacht. Kein Effekt um des Effektes willen, sondern um die Geschichte aus einem anderen Winkel heraus zu beleuchten. Die Sprache ist lakonisch; es geht zur Sache.

Umso durchdachter ist der Aufbau der Erzählungen; die Pointe überfällt einen, obwohl man reichlich vorgewarnt ist. Da kann’s schon mal passieren, dass man erst einmal stutzt: Haalt, ja klar, im Gewitter über Manuwaku liest man den Monolog eines mögli-cherweise (möglicherweise) nicht ganz Zurechnungsfähigen. Ein bemitleidenswerter Un-derdog inmitten des kleinstädtischen Bildungsbürgertums. Eigentlich tut einem der Kerl leid; ausgerechnet in diese hochnäsige Sippe musste es den verschlagen. Oder träumt da nur einer etwas zusammen und wacht wieder auf… Und dieses Foto, in das da etwas hin-eingeheimnist wird… und die höchst geheimnislose Frau mit dem brutalen Ende. Einfach so, ohne Gefühl. Wie gesagt: Fast wär’s einem entgangen; all diese “Namen, deren wah-re Bedeutung niemand mehr kennt”. Eine Welt voller bedeutungsloser Namen. Wohlklang ist nicht alles.

Wolfringer formuliert präzise, seine Bilder sind nicht an den Rändern ausge-franst: Wenn der Himmel «von einem tückischen, diesigen Grau» ist, dann schwant ei-nem schon auf der ersten Seite von Blackout, dass diese gemeinsame Fahrt nicht nur anders als geplant enden wird (klar doch, sonst wär’s ja keine Erzählung), sondern auch, dass den beiden Protagonisten unterwegs etwas Ungreifbares auflauern wird.

Das ist das Charakteristische dieser Erzählungen: Immer wühlt da etwas unter dem All-tag, und irgendwann (aber wann?) bricht es sich Bahn. Manchmal stellt sich die Ge-schichte selber in Frage: Was ist eigentlich das Spielzeug in der gleichnamigen Erzäh-lung? Oder besser: Wer ist das Spielzeug? Und wessen Spielzeug? Wieviele Spielzeuge, belebte und unbelebte, sind hier eigentlich im Spiel? Vordergründig geht es um eine me-chanische Karussellfigur, und um “das System dieser ungeordneten Ordnung”. Wenn da mal nicht die verweigerte Pointe die eigentliche Pointe ist, wenn da mal nicht das System verweigert wird… Klingt höchst akademisch, das alles, liest sich aber packend und alles andere als blutleer-akademisch. Wolfringer packt seine Vexierspiegel ganz allmählich aus, zieht seinen Lesern den Boden im Zeitlupentempo unter den Füßen weg.

Unterm Pflaster soll angeblich ein Strand liegen — hier liegt aber auch oft genug etwas unterm Straßenpflaster, zum Beispiel unter dem eines Provinzkaffs namens Finsterbach, das man am liebsten drunter lassen mag. Dumm nur, dass es längst entwischt ist. Ein Dorf wie viele, vom Wirtschaftswunder bis zur Unkenntlichkeit zurechtfrisiert. Nur eine kleine architektonische Warze hat es noch, «von dem Bauern Hofbrunner ist nicht die Re-de». Nun ja, reichlich widerwärtig war der ja auch. Aber wenn der Urlauber dieser Warze, diesem Geheimnis nachgeht, dann fragt sich der Leser zu Recht: Wieviel Vor-Rationales hat auch die Flurbereinigung nicht begradigen können?

Das hier ist keine Dutzendware, sondern neun Erzählungen, die den Leser neunmal in eine scheinbar harmlose Welt stoßen, und die diesem Leser dann ganz allmählich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ohne Vorwarnung meldet sich neunmal eine Vergan-genheit zurück, die die Protagonisten längst begraben glauben, und wer jetzt noch glaubt, der Alltag berge keine Geheimnisse, der sollte wirklich mal die Planken vom Holzweg ein klein wenig anheben.

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