Erinnerungen an die Steinzeit. Satirische Erzählungen. John D. Wolfringer
Die unwiderstehliche Vielfält möglicher Wirklichkeiten.
Irene Weiser, Amazon, 10. September 2010
Ach ja, damals in der Steinzeit… oder damals im alten k.u.k. Prag, oder im letzten Zug nach Montreal, oder in Mezquitos, d e r Bananenrepublik schlechthin, oder im Stall von Rosinantes Wiedergänger, pardon: Wiedertraber wider Willen. John D. Wolfringer ist ein Erzähler, der mit allen Wassern gewaschen ist: Egal wo er seine Erzählungen und Kurzgeschichten beginnen lässt – immer leitet ihn ein untrüglicher Instinkt, wenn er den scheinbar wohlbekannten Alltag unmerklich aus der Kurve gleiten lässt und ausgerechnet dann auch noch ebenso sanft, aber unerbittlich beschleunigt. Und wo das Ganze dann jeweils endet, immer streng logisch? In des Lesers Verblüffung, soviel steht fest. Ohne spekulieren zu wollen, vermute ich, dass zu Wolfringers Favoriten u.a. Helmut Qualtinger, Karl Valentin und Franz Kafka gehören dürften. Merke : Es genügt ein winzig kleines Steinchen, um den Lauf der Dinge ins Absurde abdriften zu lassen – zu Vergnügen, Nutz und Frommen seiner Lesergemeinde. Schließlich kommen einem die Ausgangssituationen nur allzu bekannt vor; nur hat einem bislang die Phantasie gefehlt, um sich auszumalen, wohin sich das Ganze um ein Haar womöglich hätte weiterentwickeln können. Dass dem Autor gelegentlich kleine logische und andere, noch kleinere Schnitzer unterlaufen sind, dürfte wohl nur unverbesserlichen Beckmesserstechern wie mir auffallen. Wie gesagt: Wer sich daran aufhält, weiß es nicht besser.
Also zurück in die Steinzeit Erinnerungen und die anderen Satiren: Die Wirklichkeit, oder was immer man gemeinhin so dafür hält, schlägt Haken und treibt ihren Schabernack mit dem Leser: Aus den Passagieren einer bemerkenswerten Zugreise entwickelt sich Im Laufe der Zeit ein ganz eigner Menschenschlag, wenn nicht gar eine Nation (dagegen sind die “Reise nach Oletzko” aus Lenz’ “Suleyken” Erzählungen und Faulkners “As I Lay Dying” nachgerade alltäglich).
In der Titelerzählung wiederum spieIt man mit den Protagonisten ein amüsantes Spiel mit dem Wissen, wie sehr wir immer noch die alten Affen sind – wir kommen ins Grübeln, ob wir uns zu Recht als Krone des Schöpfung betrachten, und nehmen als Erkenntnis mit nach Hause: Der aufrechte Gang bereicherte auf jeden Fall das kulinarische Welterbe. Weiter in den Texten: Ein missgestalteter Mörder entpuppt sich in mannigfacher Hinsicht als idealer Gehilfe eines Wurstmachers draußen im finstren Walde (aber wer ist hier eigentlich wessen Gehilfe?), und man erfährt so nebenbei Wissenswertes über unabwägbare Folgen des privatisierten Strafvollzuges einerseits und die Gefahren des Joggens andererseits (“Quasimodo wußte natürlich, dass Laufvieh besseres Fleisch lieferte als Stallvieh”). Dann wieder geht’s um eine hungrige Mäusesippe in einer Bibliothek, die angewandte Literaturkritik betreiben. Dass die Viecher bereits während des Böllverzehrs einschlafen, während sie von Zuckmayers “Fröhlichem Weinberg” zu einem fröhlichen Spontanbesäufnis angespornt werden; dass sie Courths Mahler buchstäblich verschlingen, während sie “Hermann und Dorothea” buchstäblich unverdaulich finden – also, diese und weitere Beweise ihrer literarischen Urteilskraft finde ich einfach Klasse. Ganz abgesehen von der nicht nur hier zugrunde liegenden Idee, die Sprache wörtlich zu nehmen. In wieder einer anderen Erzählung geht der Erzähler so nebenbei der Frage nach, in welcher Richtung sich das abfließende Wasser in Badewannen eigentlich direkt über dem Äquator drehe – und welche Katastrophen leichtfertige Installateure hier anrichten können. Oder man darf feixend des Josef Hapflhubers unseligen Gedenkens Monolog lauschen, dem anlässlich seines eigenen Begräbnisses in Wien (wo sonst?) und seiner ersten Tage im Jenseits allerlei jenseitiges Unbill widerfährt – dieser Widerling hat sich das wohl alles etwas anders vorgestellt zu seinen Lebzeiten. Geschieht dem Kerl recht, denn über diese Lebzeiten erfährt man so nebenbei auch einiges und fühlt sich an einen Bruder im Geiste von Qualtingers “Herrn Karl* erinnert. Diese Achterbahnfahrten durch die Wirklichkeit und das, was man gemeinhin dafür zu halten pflegt, sind außerdem durchsetzt mit gelungenen Parodien auf Heiligtümer der Weltliteratur, als da z.B. wären: Meyrinks “Golem”, Joseph Roths »Hiob”, und “Don Quichotte” – um nur einige zu nennen. Vermutlich sind noch viel mehr versteckt, als ich glaube erkannt zu haben. Auch stilistisch überzeugen die Erzählungen. Ich erspare uns eine lange Analyse und zitiere einfach einen Satz, der durchaus typisch ist für Wolfringers Figurencharakterisierungen: “Ein eisengrauer Haarkranz zierte sein Haupt, daraus erhob sich leuchtend und wohlwollend die rosige Glatze.” Auch wenn der Autor gelegentlich etwas zu verschwenderisch mit seinen Epitheta umgeht: So macht man das, wenn man sich und dem Leser lange Absätze ersparen will.
Das? So macht man das” kann auch als Fazit für den ganzen Band stehen, ergänzt um ein “Mehr von der Sorte, bitte!”