John D. Wolfringer

Romane, Erzählungen, Satiren, Essays

Erinnerungen an die Steinzeit. Satirische Erzählungen. John D. Wolfringer

Die unwiderstehliche Vielfält möglicher Wirklichkeiten.
Irene Weiser, Amazon, 10. September 2010

Ach ja, damals in der Steinzeit… oder damals im alten k.u.k. Prag, oder im letzten Zug nach Montreal, oder in Mezquitos, d e r Bananenrepublik schlechthin, oder im Stall von Rosinantes Wiedergänger, pardon: Wiedertraber wider Willen. John D. Wolfringer ist ein Erzähler, der mit allen Wassern gewaschen ist: Egal wo er seine Erzählungen und Kurzgeschichten beginnen lässt – immer leitet ihn ein untrüglicher Instinkt, wenn er den scheinbar wohlbekannten Alltag unmerklich aus der Kurve gleiten lässt und ausgerechnet dann auch noch ebenso sanft, aber unerbittlich beschleunigt. Und wo das Ganze dann jeweils endet, immer streng logisch? In des Lesers Verblüffung, soviel steht fest. Ohne spekulieren zu wollen, vermute ich, dass zu Wolfringers Favoriten u.a. Helmut Qualtinger, Karl Valentin und Franz Kafka gehören dürften. Merke : Es genügt ein winzig kleines Steinchen, um den Lauf der Dinge ins Absurde abdriften zu lassen – zu Vergnügen, Nutz und Frommen seiner Lesergemeinde. Schließlich kommen einem die Ausgangssituationen nur allzu bekannt vor; nur hat einem bislang die Phantasie gefehlt, um sich auszumalen, wohin sich das Ganze um ein Haar womöglich hätte weiterentwickeln können. Dass dem Autor gelegentlich kleine logische und andere, noch kleinere Schnitzer unterlaufen sind, dürfte wohl nur unverbesserlichen Beckmesserstechern wie mir auffallen. Wie gesagt: Wer sich daran aufhält, weiß es nicht besser.

Also zurück in die Steinzeit Erinnerungen und die anderen Satiren: Die Wirklichkeit, oder was immer man gemeinhin so dafür hält, schlägt Haken und treibt ihren Schabernack mit dem Leser: Aus den Passagieren einer bemerkenswerten Zugreise entwickelt sich Im Laufe der Zeit ein ganz eigner Menschenschlag, wenn nicht gar eine Nation (dagegen sind die “Reise nach Oletzko” aus Lenz’ “Suleyken” Erzählungen und Faulkners “As I Lay Dying” nachgerade alltäglich).

In der Titelerzählung wiederum spieIt man mit den Protagonisten ein amüsantes Spiel mit dem Wissen, wie sehr wir immer noch die alten Affen sind – wir kommen ins Grübeln, ob wir uns zu Recht als Krone des Schöpfung betrachten, und nehmen als Erkenntnis mit nach Hause: Der aufrechte Gang bereicherte auf jeden Fall das kulinarische Welterbe. Weiter in den Texten: Ein missgestalteter Mörder entpuppt sich in mannigfacher Hinsicht als idealer Gehilfe eines Wurstmachers draußen im finstren Walde (aber wer ist hier eigentlich wessen Gehilfe?), und man erfährt so nebenbei Wissenswertes über unabwägbare Folgen des privatisierten Strafvollzuges einerseits und die Gefahren des Joggens andererseits (“Quasimodo wußte natürlich, dass Laufvieh besseres Fleisch lieferte als Stallvieh”). Dann wieder geht’s um eine hungrige Mäusesippe in einer Bibliothek, die angewandte Literaturkritik betreiben. Dass die Viecher bereits während des Böllverzehrs einschlafen, während sie von Zuckmayers “Fröhlichem Weinberg” zu einem fröhlichen Spontanbesäufnis angespornt werden; dass sie Courths Mahler buchstäblich verschlingen, während sie “Hermann und Dorothea” buchstäblich unverdaulich finden – also, diese und weitere Beweise ihrer literarischen Urteilskraft finde ich einfach Klasse. Ganz abgesehen von der nicht nur hier zugrunde liegenden Idee, die Sprache wörtlich zu nehmen. In wieder einer anderen Erzählung geht der Erzähler so nebenbei der Frage nach, in welcher Richtung sich das abfließende Wasser in Badewannen eigentlich direkt über dem Äquator drehe – und welche Katastrophen leichtfertige Installateure hier anrichten können. Oder man darf feixend des Josef Hapflhubers unseligen Gedenkens Monolog lauschen, dem anlässlich seines eigenen Begräbnisses in Wien (wo sonst?) und seiner ersten Tage im Jenseits allerlei jenseitiges Unbill widerfährt – dieser Widerling hat sich das wohl alles etwas anders vorgestellt zu seinen Lebzeiten. Geschieht dem Kerl recht, denn über diese Lebzeiten erfährt man so nebenbei auch einiges und fühlt sich an einen Bruder im Geiste von Qualtingers “Herrn Karl* erinnert. Diese Achterbahnfahrten durch die Wirklichkeit und das, was man gemeinhin dafür zu halten pflegt, sind außerdem durchsetzt mit gelungenen Parodien auf Heiligtümer der Weltliteratur, als da z.B. wären: Meyrinks “Golem”, Joseph Roths »Hiob”, und “Don Quichotte” – um nur einige zu nennen. Vermutlich sind noch viel mehr versteckt, als ich glaube erkannt zu haben. Auch stilistisch überzeugen die Erzählungen. Ich erspare uns eine lange Analyse und zitiere einfach einen Satz, der durchaus typisch ist für Wolfringers Figurencharakterisierungen: “Ein eisengrauer Haarkranz zierte sein Haupt, daraus erhob sich leuchtend und wohlwollend die rosige Glatze.” Auch wenn der Autor gelegentlich etwas zu verschwenderisch mit seinen Epitheta umgeht: So macht man das, wenn man sich und dem Leser lange Absätze ersparen will.
Das? So macht man das” kann auch als Fazit für den ganzen Band stehen, ergänzt um ein “Mehr von der Sorte, bitte!”

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Erinnerungen an die Steinzeit. Satirische Erzählungen. John D. Wolfringer

Die unwiderstehliche Vielfält möglicher Wirklichkeiten.
Irene Weiser, Amazon, 10. September 2010

Ach ja, damals in der Steinzeit… oder damals im alten k.u.k. Prag, oder im letzten Zug nach Montreal, oder in Mezquitos, d e r Bananenrepublik schlechthin, oder im Stall von Rosinantes Wiedergänger, pardon: Wiedertraber wider Willen. John D. Wolfringer ist ein Erzähler, der mit allen Wassern gewaschen ist: Egal wo er seine Erzählungen und Kurzgeschichten beginnen lässt – immer leitet ihn ein untrüglicher Instinkt, wenn er den scheinbar wohlbekannten Alltag unmerklich aus der Kurve gleiten lässt und ausgerechnet dann auch noch ebenso sanft, aber unerbittlich beschleunigt. Und wo das Ganze dann jeweils endet, immer streng logisch? In des Lesers Verblüffung, soviel steht fest. Ohne spekulieren zu wollen, vermute ich, dass zu Wolfringers Favoriten u.a. Helmut Qualtinger, Karl Valentin und Franz Kafka gehören dürften. Merke : Es genügt ein winzig kleines Steinchen, um den Lauf der Dinge ins Absurde abdriften zu lassen – zu Vergnügen, Nutz und Frommen seiner Lesergemeinde. Schließlich kommen einem die Ausgangssituationen nur allzu bekannt vor; nur hat einem bislang die Phantasie gefehlt, um sich auszumalen, wohin sich das Ganze um ein Haar womöglich hätte weiterentwickeln können. Dass dem Autor gelegentlich kleine logische und andere, noch kleinere Schnitzer unterlaufen sind, dürfte wohl nur unverbesserlichen Beckmesserstechern wie mir auffallen. Wie gesagt: Wer sich daran aufhält, weiß es nicht besser.

Also zurück in die Steinzeit Erinnerungen und die anderen Satiren: Die Wirklichkeit, oder was immer man gemeinhin so dafür hält, schlägt Haken und treibt ihren Schabernack mit dem Leser: Aus den Passagieren einer bemerkenswerten Zugreise entwickelt sich Im Laufe der Zeit ein ganz eigner Menschenschlag, wenn nicht gar eine Nation (dagegen sind die “Reise nach Oletzko” aus Lenz’ “Suleyken” Erzählungen und Faulkners “As I Lay Dying” nachgerade alltäglich).

In der Titelerzählung wiederum spieIt man mit den Protagonisten ein amüsantes Spiel mit dem Wissen, wie sehr wir immer noch die alten Affen sind – wir kommen ins Grübeln, ob wir uns zu Recht als Krone des Schöpfung betrachten, und nehmen als Erkenntnis mit nach Hause: Der aufrechte Gang bereicherte auf jeden Fall das kulinarische Welterbe. Weiter in den Texten: Ein missgestalteter Mörder entpuppt sich in mannigfacher Hinsicht als idealer Gehilfe eines Wurstmachers draußen im finstren Walde (aber wer ist hier eigentlich wessen Gehilfe?), und man erfährt so nebenbei Wissenswertes über unabwägbare Folgen des privatisierten Strafvollzuges einerseits und die Gefahren des Joggens andererseits (“Quasimodo wußte natürlich, dass Laufvieh besseres Fleisch lieferte als Stallvieh”). Dann wieder geht’s um eine hungrige Mäusesippe in einer Bibliothek, die angewandte Literaturkritik betreiben. Dass die Viecher bereits während des Böllverzehrs einschlafen, während sie von Zuckmayers “Fröhlichem Weinberg” zu einem fröhlichen Spontanbesäufnis angespornt werden; dass sie Courths Mahler buchstäblich verschlingen, während sie “Hermann und Dorothea” buchstäblich unverdaulich finden – also, diese und weitere Beweise ihrer literarischen Urteilskraft finde ich einfach Klasse. Ganz abgesehen von der nicht nur hier zugrunde liegenden Idee, die Sprache wörtlich zu nehmen. In wieder einer anderen Erzählung geht der Erzähler so nebenbei der Frage nach, in welcher Richtung sich das abfließende Wasser in Badewannen eigentlich direkt über dem Äquator drehe – und welche Katastrophen leichtfertige Installateure hier anrichten können. Oder man darf feixend des Josef Hapflhubers unseligen Gedenkens Monolog lauschen, dem anlässlich seines eigenen Begräbnisses in Wien (wo sonst?) und seiner ersten Tage im Jenseits allerlei jenseitiges Unbill widerfährt – dieser Widerling hat sich das wohl alles etwas anders vorgestellt zu seinen Lebzeiten. Geschieht dem Kerl recht, denn über diese Lebzeiten erfährt man so nebenbei auch einiges und fühlt sich an einen Bruder im Geiste von Qualtingers “Herrn Karl* erinnert. Diese Achterbahnfahrten durch die Wirklichkeit und das, was man gemeinhin dafür zu halten pflegt, sind außerdem durchsetzt mit gelungenen Parodien auf Heiligtümer der Weltliteratur, als da z.B. wären: Meyrinks “Golem”, Joseph Roths »Hiob”, und “Don Quichotte” – um nur einige zu nennen. Vermutlich sind noch viel mehr versteckt, als ich glaube erkannt zu haben. Auch stilistisch überzeugen die Erzählungen. Ich erspare uns eine lange Analyse und zitiere einfach einen Satz, der durchaus typisch ist für Wolfringers Figurencharakterisierungen: “Ein eisengrauer Haarkranz zierte sein Haupt, daraus erhob sich leuchtend und wohlwollend die rosige Glatze.” Auch wenn der Autor gelegentlich etwas zu verschwenderisch mit seinen Epitheta umgeht: So macht man das, wenn man sich und dem Leser lange Absätze ersparen will.
Das? So macht man das” kann auch als Fazit für den ganzen Band stehen, ergänzt um ein “Mehr von der Sorte, bitte!”

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Die Brücke über den dunklen Strom. Neun Erzählungen. John D. Wolfringer

Der Boden unter den Füßen im Zeitlupentempo weggezogen
Von Irene Weiser (TOP 10 REVIEWER)

Gibt’s die eigentlich noch: Gute Erzähler, die ‹nur› eine Geschichte zu erzählen haben, ohne dem Leser gleich eine Botschaft um die Ohren hauen zu müssen? Erzählungen, die gut geschrieben sind, ohne Allüren? Erzähler, bei denen ‹klarer Stil› nicht bedeutet, dass sie nicht recht mit der Sprache umzugehen wissen? Erzähler, die keinen holprigen Satzbau hinter einem spektakulären Thema verstecken brauchen? Erzähler, die ihre Metaphern und sonstigen Stilmittel sparsam verwenden, aber nicht weil ihnen nicht mehr einfiele, sondern weil sie so umso besser wirken? Ja, gibt es. John D. Wolfringer ist einer dieser in der Wolle gefärbten Erzähler, und mit seinem Band Die Brücke über den dunklen Strom beweist er das nachdrücklich. Kein rhetorisches Rumgefuchtel, sondern klar strukturierte Erzählungen, die nicht so schlicht sind, wie sie zunächst daherzukommen scheinen, und die immer dann überraschende Haken schlagen, wenn der Leser sie am wenigsten erwartet.

Wolfringer geht sparsam mit seinen Mitteln um — nicht, weil die Vorräte begrenzt wären, sondern weil stilistische Ressourcenverschwendung den Leser irgendwann langweilt. Und hier langweilt sich der Leser nicht. Im Gegenteil: Man muss auf dem Quivive sein, denn die Fäden werden immer wieder neu aufgenommen, weiter gesponnen, zu Ende gedacht. Kein Effekt um des Effektes willen, sondern um die Geschichte aus einem anderen Winkel heraus zu beleuchten. Die Sprache ist lakonisch; es geht zur Sache.

Umso durchdachter ist der Aufbau der Erzählungen; die Pointe überfällt einen, obwohl man reichlich vorgewarnt ist. Da kann’s schon mal passieren, dass man erst einmal stutzt: Haalt, ja klar, im Gewitter über Manuwaku liest man den Monolog eines mögli-cherweise (möglicherweise) nicht ganz Zurechnungsfähigen. Ein bemitleidenswerter Un-derdog inmitten des kleinstädtischen Bildungsbürgertums. Eigentlich tut einem der Kerl leid; ausgerechnet in diese hochnäsige Sippe musste es den verschlagen. Oder träumt da nur einer etwas zusammen und wacht wieder auf… Und dieses Foto, in das da etwas hin-eingeheimnist wird… und die höchst geheimnislose Frau mit dem brutalen Ende. Einfach so, ohne Gefühl. Wie gesagt: Fast wär’s einem entgangen; all diese “Namen, deren wah-re Bedeutung niemand mehr kennt”. Eine Welt voller bedeutungsloser Namen. Wohlklang ist nicht alles.

Wolfringer formuliert präzise, seine Bilder sind nicht an den Rändern ausge-franst: Wenn der Himmel «von einem tückischen, diesigen Grau» ist, dann schwant ei-nem schon auf der ersten Seite von Blackout, dass diese gemeinsame Fahrt nicht nur anders als geplant enden wird (klar doch, sonst wär’s ja keine Erzählung), sondern auch, dass den beiden Protagonisten unterwegs etwas Ungreifbares auflauern wird.

Das ist das Charakteristische dieser Erzählungen: Immer wühlt da etwas unter dem All-tag, und irgendwann (aber wann?) bricht es sich Bahn. Manchmal stellt sich die Ge-schichte selber in Frage: Was ist eigentlich das Spielzeug in der gleichnamigen Erzäh-lung? Oder besser: Wer ist das Spielzeug? Und wessen Spielzeug? Wieviele Spielzeuge, belebte und unbelebte, sind hier eigentlich im Spiel? Vordergründig geht es um eine me-chanische Karussellfigur, und um “das System dieser ungeordneten Ordnung”. Wenn da mal nicht die verweigerte Pointe die eigentliche Pointe ist, wenn da mal nicht das System verweigert wird… Klingt höchst akademisch, das alles, liest sich aber packend und alles andere als blutleer-akademisch. Wolfringer packt seine Vexierspiegel ganz allmählich aus, zieht seinen Lesern den Boden im Zeitlupentempo unter den Füßen weg.

Unterm Pflaster soll angeblich ein Strand liegen — hier liegt aber auch oft genug etwas unterm Straßenpflaster, zum Beispiel unter dem eines Provinzkaffs namens Finsterbach, das man am liebsten drunter lassen mag. Dumm nur, dass es längst entwischt ist. Ein Dorf wie viele, vom Wirtschaftswunder bis zur Unkenntlichkeit zurechtfrisiert. Nur eine kleine architektonische Warze hat es noch, «von dem Bauern Hofbrunner ist nicht die Re-de». Nun ja, reichlich widerwärtig war der ja auch. Aber wenn der Urlauber dieser Warze, diesem Geheimnis nachgeht, dann fragt sich der Leser zu Recht: Wieviel Vor-Rationales hat auch die Flurbereinigung nicht begradigen können?

Das hier ist keine Dutzendware, sondern neun Erzählungen, die den Leser neunmal in eine scheinbar harmlose Welt stoßen, und die diesem Leser dann ganz allmählich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ohne Vorwarnung meldet sich neunmal eine Vergan-genheit zurück, die die Protagonisten längst begraben glauben, und wer jetzt noch glaubt, der Alltag berge keine Geheimnisse, der sollte wirklich mal die Planken vom Holzweg ein klein wenig anheben.

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Die Brücke über den dunklen Strom. Neun Erzählungen. John D. Wolfringer

Der Boden unter den Füßen im Zeitlupentempo weggezogen
Von Irene Weiser (TOP 10 REVIEWER)

Gibt’s die eigentlich noch: Gute Erzähler, die ‹nur› eine Geschichte zu erzählen haben, ohne dem Leser gleich eine Botschaft um die Ohren hauen zu müssen? Erzählungen, die gut geschrieben sind, ohne Allüren? Erzähler, bei denen ‹klarer Stil› nicht bedeutet, dass sie nicht recht mit der Sprache umzugehen wissen? Erzähler, die keinen holprigen Satzbau hinter einem spektakulären Thema verstecken brauchen? Erzähler, die ihre Metaphern und sonstigen Stilmittel sparsam verwenden, aber nicht weil ihnen nicht mehr einfiele, sondern weil sie so umso besser wirken? Ja, gibt es. John D. Wolfringer ist einer dieser in der Wolle gefärbten Erzähler, und mit seinem Band Die Brücke über den dunklen Strom beweist er das nachdrücklich. Kein rhetorisches Rumgefuchtel, sondern klar strukturierte Erzählungen, die nicht so schlicht sind, wie sie zunächst daherzukommen scheinen, und die immer dann überraschende Haken schlagen, wenn der Leser sie am wenigsten erwartet.

Wolfringer geht sparsam mit seinen Mitteln um — nicht, weil die Vorräte begrenzt wären, sondern weil stilistische Ressourcenverschwendung den Leser irgendwann langweilt. Und hier langweilt sich der Leser nicht. Im Gegenteil: Man muss auf dem Quivive sein, denn die Fäden werden immer wieder neu aufgenommen, weiter gesponnen, zu Ende gedacht. Kein Effekt um des Effektes willen, sondern um die Geschichte aus einem anderen Winkel heraus zu beleuchten. Die Sprache ist lakonisch; es geht zur Sache.

Umso durchdachter ist der Aufbau der Erzählungen; die Pointe überfällt einen, obwohl man reichlich vorgewarnt ist. Da kann’s schon mal passieren, dass man erst einmal stutzt: Haalt, ja klar, im Gewitter über Manuwaku liest man den Monolog eines mögli-cherweise (möglicherweise) nicht ganz Zurechnungsfähigen. Ein bemitleidenswerter Un-derdog inmitten des kleinstädtischen Bildungsbürgertums. Eigentlich tut einem der Kerl leid; ausgerechnet in diese hochnäsige Sippe musste es den verschlagen. Oder träumt da nur einer etwas zusammen und wacht wieder auf… Und dieses Foto, in das da etwas hin-eingeheimnist wird… und die höchst geheimnislose Frau mit dem brutalen Ende. Einfach so, ohne Gefühl. Wie gesagt: Fast wär’s einem entgangen; all diese “Namen, deren wah-re Bedeutung niemand mehr kennt”. Eine Welt voller bedeutungsloser Namen. Wohlklang ist nicht alles.

Wolfringer formuliert präzise, seine Bilder sind nicht an den Rändern ausge-franst: Wenn der Himmel «von einem tückischen, diesigen Grau» ist, dann schwant ei-nem schon auf der ersten Seite von Blackout, dass diese gemeinsame Fahrt nicht nur anders als geplant enden wird (klar doch, sonst wär’s ja keine Erzählung), sondern auch, dass den beiden Protagonisten unterwegs etwas Ungreifbares auflauern wird.

Das ist das Charakteristische dieser Erzählungen: Immer wühlt da etwas unter dem All-tag, und irgendwann (aber wann?) bricht es sich Bahn. Manchmal stellt sich die Ge-schichte selber in Frage: Was ist eigentlich das Spielzeug in der gleichnamigen Erzäh-lung? Oder besser: Wer ist das Spielzeug? Und wessen Spielzeug? Wieviele Spielzeuge, belebte und unbelebte, sind hier eigentlich im Spiel? Vordergründig geht es um eine me-chanische Karussellfigur, und um “das System dieser ungeordneten Ordnung”. Wenn da mal nicht die verweigerte Pointe die eigentliche Pointe ist, wenn da mal nicht das System verweigert wird… Klingt höchst akademisch, das alles, liest sich aber packend und alles andere als blutleer-akademisch. Wolfringer packt seine Vexierspiegel ganz allmählich aus, zieht seinen Lesern den Boden im Zeitlupentempo unter den Füßen weg.

Unterm Pflaster soll angeblich ein Strand liegen — hier liegt aber auch oft genug etwas unterm Straßenpflaster, zum Beispiel unter dem eines Provinzkaffs namens Finsterbach, das man am liebsten drunter lassen mag. Dumm nur, dass es längst entwischt ist. Ein Dorf wie viele, vom Wirtschaftswunder bis zur Unkenntlichkeit zurechtfrisiert. Nur eine kleine architektonische Warze hat es noch, «von dem Bauern Hofbrunner ist nicht die Re-de». Nun ja, reichlich widerwärtig war der ja auch. Aber wenn der Urlauber dieser Warze, diesem Geheimnis nachgeht, dann fragt sich der Leser zu Recht: Wieviel Vor-Rationales hat auch die Flurbereinigung nicht begradigen können?

Das hier ist keine Dutzendware, sondern neun Erzählungen, die den Leser neunmal in eine scheinbar harmlose Welt stoßen, und die diesem Leser dann ganz allmählich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ohne Vorwarnung meldet sich neunmal eine Vergan-genheit zurück, die die Protagonisten längst begraben glauben, und wer jetzt noch glaubt, der Alltag berge keine Geheimnisse, der sollte wirklich mal die Planken vom Holzweg ein klein wenig anheben.

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Die wundersamen Abenteuer des kleinen Bären und des kleinen Affen. Oder: wie werde ich amerikanischer Präsident. Heitere Satire von John D. Wolfringer. Rezension: Irene Weiser / Amazon Rang 8.

Warum der Oregon Treck den kleinen Affen zwangsläufig ins Weiße Haus führen mußte. 29. Mal 2008

Sie bevorzugen logisch aufgebaute, streng realistische Romane, in denen weder George Bernard Shaw das Tischgebet bei ausufemden Dubliner Geburtstagsfeiern spricht, noch Wyatt Earps Schicksale eine wichtige Rolle fürs präsidiale Kabinett spielen, noch verraten wird, wie vielleicht doch die Lektüre von James JoycesUlysses als generatlonen-übergreifendes Projekt zu schaffen sein könnte? Irrwitzige Parforce Ritte durch die US Kulturgeschichte sind auch nicht Ihr Fall? Die fundamentalistischen Schöpfungsgläubigen in den Südstaaten halten Sie für zurechnungsfähig? Sie finden es absurd, dass es belesene kleine Bären und analphabetische kleine Affen Ins Weiße Haus schaffen könnten (gut, gelegentlich hat diese Erzählung doch auch realistische Bezüge)? Dann sollten Sie vielleicht etwas anderes lesen.

Wenn Sie aber Geschichten mögen, verglichen mit denen auch die aberwitzigsten Träume mit der “Tagesschau” verwechselt werden könnten, dann könnten Sie hier richtig sein zumal deswegen, weil der Aberwitz hier bei alledem doch System hat und seiner ganz eigenen Logik folgt. “Verfolgt man den geradlinigen Lebensweg des Bären und des Affen, der in einem Pub in Dublin begann und im Oval Office des Weißen Hauses endete, so möchte man nicht an Zufälle glauben” jedenfalls dann nicht, wenn man diese feine Erzählung gelesen hat.

“Die wundersamen Abenteuer des kleinen Bären und des kleinen Affen” beruhen nämlich darauf, dass die beiden liebenswürdigen Protagonisten eine selbstgebaute Zeltmaschine auf ihre Art nutzen, und freundlich wie sie nunmal sind, nehmen sie den Leser mit auf die Reise.

Man muss Immer auf dem Quivive sein, damit man ja nichts verpasst, denn das wäre jammerschade: Da kreuzen sich Wildwest Abenteuer In Tombstone und anderswo mit den Geschicken eines wohlbeleumundeten Pub Besitzers in der Dubliner Grafton Street, und der legendäre Oregon Treck führt ins Weiße Haus des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Jede Episode sollte man sich merken, denn irgendwann im weiteren Gang der Handlung werden sie und ihre Protagonisten wieder die Finger im Spiel haben, das ist so sicher wie der Showdown in Tombstone. Und an den unwahrscheinlichsten Orten und zu den unwahrscheinlichsten Zeiten greifen noch dazu die Helden eines stinklangweiligen B Westem ein… Unterwegs werden en passant auch noch Gepflogenheiten esoterlscher Sekten, Marketing Strategien der Großverlage, elementare Bedürfnisse der Wildwest Pioniere (Kennt jemand einen Western, in dem die Helden nicht singend die Prärie durchqueren?), Hardcore Kreationisten samt ihrer Prätorianergarden, Theodore (Teddy) Roosevelt und seine Rough Riders , Bob Ross und seine Malerei Lektionen, die Propagierung allgemeiner Unbildung als hohes Gut, Passepartout Wahlkampfslogans, Eivis Presley und viele, viele weitere US amerikanische Standards und Skurrilitäten aufs Korn genommen. Anspielungen auf allgemein Bekanntes und Hollywood Klischees sind untrennbar verwoben mit Witzen, die ein wenig eingehendere Geschichtskenntnisse erfordern, und der Leser kommt unabhängig von seinem einschlägigen Wissen voll auf seine Kosten, wenn Wolfringer aus alledem eine furiose Geschichte macht, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Es macht ganz einfach Spaß.

Nur manchmal hat der Autor einfach zu viele Ideen, die er Irgendwie auch noch unterbringen zu müssen glaubt. Einerseits wäre es ja schade, wenn einem entginge, welche Folgen es im südafrikanischen Apartheid System gehabt hätte, wenn man einen Affen hätte einbürgern müssen “monkic! als weitere Menschentasse im eigenen Homeland unterbringen zu müssen, das wäre den Rassisten recht geschehen. Und die katastrophalen Auswirkungen der definitiven Fertigstellung von Mount Rushmore fürs Weltklima wurden bislang auch noch nie gebührend gewürdigt. Aber andererseits bekommen diese und weitere feine Ideen zuwenig Raum für ihre Entfaltung. Das sind so Kabinettstückchen, die man entweder genüsslich ausbreiten muss, oder aber schweren Herzens begraben oder aber sie wenigstens Irgendwie später nochmal im Kontext der Fundamentalistenprozesse in Dayton anfangs der 20er Jahre aufgreifen. In solchen Momenten wird deutlich, dass Wolfringer wahrlich nicht am Ideenmangel leidet, und schreiben kann er auch, und einen ausgeprägten Sinn für hinterfotzige Anspielungen hat er sowieso. Nur mit der stringenten Kombination haperts manchmal noch, und auch der abrupte Schluss kann mit dem bisherigen Ideenreichtum nicht mithalten. Andererseits Ist die Handlung hier ohnehin dermaßen kaleidoskopartig durcheinandergewirbelt, dass der Schaden nicht groß Ist. Jedenfalls Ist der Spaß beim Lesen merklich größer als der gelegentliche Missmut darüber, dass manchmal zu viele witzige Gags in zu wenig Handlung gepackt werden.

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Die wundersamen Abenteuer des kleinen Bären und des kleinen Affen. Oder: wie werde ich amerikanischer Präsident. Heitere Satire von John D. Wolfringer. Rezension: Irene Weiser / Amazon Rang 8.

Warum der Oregon Treck den kleinen Affen zwangsläufig ins Weiße Haus führen mußte. 29. Mal 2008

Sie bevorzugen logisch aufgebaute, streng realistische Romane, in denen weder George Bernard Shaw das Tischgebet bei ausufemden Dubliner Geburtstagsfeiern spricht, noch Wyatt Earps Schicksale eine wichtige Rolle fürs präsidiale Kabinett spielen, noch verraten wird, wie vielleicht doch die Lektüre von James JoycesUlysses als generatlonen-übergreifendes Projekt zu schaffen sein könnte? Irrwitzige Parforce Ritte durch die US Kulturgeschichte sind auch nicht Ihr Fall? Die fundamentalistischen Schöpfungsgläubigen in den Südstaaten halten Sie für zurechnungsfähig? Sie finden es absurd, dass es belesene kleine Bären und analphabetische kleine Affen Ins Weiße Haus schaffen könnten (gut, gelegentlich hat diese Erzählung doch auch realistische Bezüge)? Dann sollten Sie vielleicht etwas anderes lesen.

Wenn Sie aber Geschichten mögen, verglichen mit denen auch die aberwitzigsten Träume mit der “Tagesschau” verwechselt werden könnten, dann könnten Sie hier richtig sein zumal deswegen, weil der Aberwitz hier bei alledem doch System hat und seiner ganz eigenen Logik folgt. “Verfolgt man den geradlinigen Lebensweg des Bären und des Affen, der in einem Pub in Dublin begann und im Oval Office des Weißen Hauses endete, so möchte man nicht an Zufälle glauben” jedenfalls dann nicht, wenn man diese feine Erzählung gelesen hat.

“Die wundersamen Abenteuer des kleinen Bären und des kleinen Affen” beruhen nämlich darauf, dass die beiden liebenswürdigen Protagonisten eine selbstgebaute Zeltmaschine auf ihre Art nutzen, und freundlich wie sie nunmal sind, nehmen sie den Leser mit auf die Reise.

Man muss Immer auf dem Quivive sein, damit man ja nichts verpasst, denn das wäre jammerschade: Da kreuzen sich Wildwest Abenteuer In Tombstone und anderswo mit den Geschicken eines wohlbeleumundeten Pub Besitzers in der Dubliner Grafton Street, und der legendäre Oregon Treck führt ins Weiße Haus des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Jede Episode sollte man sich merken, denn irgendwann im weiteren Gang der Handlung werden sie und ihre Protagonisten wieder die Finger im Spiel haben, das ist so sicher wie der Showdown in Tombstone. Und an den unwahrscheinlichsten Orten und zu den unwahrscheinlichsten Zeiten greifen noch dazu die Helden eines stinklangweiligen B Westem ein… Unterwegs werden en passant auch noch Gepflogenheiten esoterlscher Sekten, Marketing Strategien der Großverlage, elementare Bedürfnisse der Wildwest Pioniere (Kennt jemand einen Western, in dem die Helden nicht singend die Prärie durchqueren?), Hardcore Kreationisten samt ihrer Prätorianergarden, Theodore (Teddy) Roosevelt und seine Rough Riders , Bob Ross und seine Malerei Lektionen, die Propagierung allgemeiner Unbildung als hohes Gut, Passepartout Wahlkampfslogans, Eivis Presley und viele, viele weitere US amerikanische Standards und Skurrilitäten aufs Korn genommen. Anspielungen auf allgemein Bekanntes und Hollywood Klischees sind untrennbar verwoben mit Witzen, die ein wenig eingehendere Geschichtskenntnisse erfordern, und der Leser kommt unabhängig von seinem einschlägigen Wissen voll auf seine Kosten, wenn Wolfringer aus alledem eine furiose Geschichte macht, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Es macht ganz einfach Spaß.

Nur manchmal hat der Autor einfach zu viele Ideen, die er Irgendwie auch noch unterbringen zu müssen glaubt. Einerseits wäre es ja schade, wenn einem entginge, welche Folgen es im südafrikanischen Apartheid System gehabt hätte, wenn man einen Affen hätte einbürgern müssen “monkic! als weitere Menschentasse im eigenen Homeland unterbringen zu müssen, das wäre den Rassisten recht geschehen. Und die katastrophalen Auswirkungen der definitiven Fertigstellung von Mount Rushmore fürs Weltklima wurden bislang auch noch nie gebührend gewürdigt. Aber andererseits bekommen diese und weitere feine Ideen zuwenig Raum für ihre Entfaltung. Das sind so Kabinettstückchen, die man entweder genüsslich ausbreiten muss, oder aber schweren Herzens begraben oder aber sie wenigstens Irgendwie später nochmal im Kontext der Fundamentalistenprozesse in Dayton anfangs der 20er Jahre aufgreifen. In solchen Momenten wird deutlich, dass Wolfringer wahrlich nicht am Ideenmangel leidet, und schreiben kann er auch, und einen ausgeprägten Sinn für hinterfotzige Anspielungen hat er sowieso. Nur mit der stringenten Kombination haperts manchmal noch, und auch der abrupte Schluss kann mit dem bisherigen Ideenreichtum nicht mithalten. Andererseits Ist die Handlung hier ohnehin dermaßen kaleidoskopartig durcheinandergewirbelt, dass der Schaden nicht groß Ist. Jedenfalls Ist der Spaß beim Lesen merklich größer als der gelegentliche Missmut darüber, dass manchmal zu viele witzige Gags in zu wenig Handlung gepackt werden.

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